Dostojewski und GOTT

 

„Dostojewskij war kein Lessing. Toleranz gegen Andersgläubige war ihm fremd.“
Gerigk; Ein Meister aus Russland S. 122
 
 

 

Der Christus des Dostojewski ist dieser Lichtpunkt einer reinen Güte, die den Menschen aufrichtet, wenn er zerbrochen ist und wenn es weder ein Mittel der Moral noch des normalen menschlichen Trostes noch des gewöhnlichen Beistands mehr für ihn gibt.
Drewermann, Eugen; Dass auch der Allerniedrigste mein Bruder sei, Walter Verlag Zürich 1998 S.162
 
"Daß Christus geirrt habe, das wäre erst noch zu beweisen. Aber dieses brennende Gefühl sagt mir: besser, ich bleibe beim Irrtum, bei Christus, als bei euch."
Aus Dostojewskis Notizen 1880
vgl. Periodikum "Sinn und Form - Beiträge zur Literatur"  Rütten & Loening Berlin Heft 5  1993 S. 727
 
"Ich definiere Orthodoxie nicht als mystischen Glauben, sondern als Menschenliebe, und darüber bin ich froh . . . "
Aus Dostojewskis Notizen 1876-1877
ebenda S. 729

Ein Theologe wird vorgeben, zu kennen, was schon gewirkt wurde durch die Erlösungstat Jesu - so noch im 16. Jahrhundert, bibelfest, Martin Luther. Dostojewski hingegen arbeitete einen ganzen Roman wie `Die Dämonen` auf eine Bibelstelle hin mit dem Suchen danach, was denn Erlösung sein müsste, damit sie für uns Menschen wirklich sein könnte, immer offen für die Frage, ob sie denn überhaupt ist.
Drewermann, Eugen; Dass auch der Allerniedrigste mein Bruder sei, Walter Verlag Zürich 1998 S.135

Das russische Volk sei auf einmalige Weise durch Christus geprägt: Es habe vielmehr leiden müssen als jedes andere Volk. Dadurch habe es eine besondere, bescheidene Weisheit erlangt, die es befähige, anderen Völkern das Heil Christi zu bringen.
Hosking, Geoffrey; Russland Nation und Imperium, Siedler Verlag Berlin 2000 S. 342


 
Nach Dostojewskijs Meinung ist der Mensch frei, Gut und Böse zu erkennen, zwischen den beiden zu wählen und nach seiner Wahl zu handeln. Drei äußere Mächte versuchen, den Menschen
von seiner Freiheit zu befreien: die Kirchen, der Staat und Wunder. Die Freiheit des Menschen ist seine Verletzlichkeit Gott gegenüber.
Stepun, Fedor; Dostojewski, Carl Pfeffer Verlag  1950
 
 
Dostojewskis Bibel
 
 
Dostojewski hat Zweifel an Gott selbst stark erfahren, intellektuell im Kreis von Petraschewski, existentiell hervorgerufen durch die vom Zaren inszenierte Scheinhinrichtung auf dem Semjonowplatz in Petersburg, durch das Leben in der Katorga, und durch den frühen Tod zweier Kinder.
Ebenda
 
1854 in einem Brief an N.D. Fonwisina, jene Frau, die ihm in Tobolsk die Bibel schenkte:
Wenn mir jemand bewiesen hätte, dass Christus außerhalb der Wahrheit steht, und wenn die Wahrheit tatsächlich außerhalb Christi stünde, so würde ich es vorziehen, bei Christus und nicht bei der Wahrheit zu bleiben.
 
Ich will ihnen von mir sagen, dass ich ein Kind dieser Zeit, ein Kind des Unglaubens und der Zweifelssucht bin und es wahrscheinlich (ich weiß es bestimmt) bis an mein Lebensende bleiben werde.  Wie entsetzlich quälte mich diese Sehnsucht nach dem Glauben (und quält mich auch jetzt), diese Sehnsucht nach dem Glauben, die um so stärker ist, je mehr Gegenbeweise ich habe.
Ebenda
 
Über den Zeitpunkt, da Dostojewski diese Bibel geschenkt bekam:
"Der wahre Dostojewski datiert von diesem Augenblicke."
Suares, Dostojewski  S. 30
 

Oktober 1870 Dresden, Dostojewski  in einem Brief an A. Majkow
"Die Mission Rußlands liegt im orthodoxen Glauben, im Licht aus dem Osten, welches zu der erblindeten Menschheit im Westen flutet, die Christus verloren hat. Alles Unglück Europas, alles, alles ohne Ausnahme, rührt daher, daß es mit der römischen Kirche abgekommen ist und meint ohne ihn auszukommen."

Auch wenn sich das Christliche in Dostojewskis Jugendwerken kaum bemerkbar macht, deutet doch nichts darauf hin, dass er den Glauben seiner Kindheit verloren hätte. Vielmehr wissen wir, dass er ein eifriger Kirchgänger war, regelmäßig fastete und zu seinen Freunden oft von christlicher Liebe und Barmherzigkeit sprach. Dostojewskis wirksamste Medizin war immer das Gebet und er betete nicht nur für Unschuldige, sondern auch für offenkundige Sünder.
Kjeetsa; Der gewaltigste unter den russischen Giganten
 
Dostojewskis Schaffen stellt ein einziges, ununterbrochenes fortschreitendes religiöses Bewußtwerden dar: einen geistig tätigen Weg nach Gott hin.
Nötzel; Dostojewski
 
Über Religion sprachen wir selten. Dostojewskij war im Grunde religiös, ging aber nur selten in die Kirche. Die Popen, und besonders die sibirischen, konnte er garnicht leiden. Von Christus sprach er mit fühlbarem Entzücken.
Wrangel in seinen Erinnerungen (vgl. Doerne)
 
Das ist Dostojewskis Geheimnis: er braucht Gott und findet ihn doch nicht. Manchmal meint er ihm schon zu gehören, und schon umfaßt ihn seine Ekstase, da verklirrt sein Verneinungsbedürfnis ihn wieder zur Erde.
Stefan Zweig; Drei Meister

 

 

Aufschlussreiche Literaturhinweise:
Periodikum "Sinn und Form - Beiträge zur Literatur"  Rütten & Loening Berlin Heft 5  1993
Enthält den empfehlenswerten Text von Konrad Onasch "Dostojewskis alternative Orthodoxie".
 
Onasch, Konrad; Der verschwiegene Christus - Versuch einer Poetisierung des Christentums in der Dichtung Dostojewskis, Union Verlag Berlin 1976

Weiterführende Texte:

Die "Gerechten" und "Stillen im Lande": Zur Kirchenkritik des 19. Jahrhunderts bei Leskov und Dostoevskij - Onasch

Dostojevskij in der Tradition der russischen "Laientheologen" - Konrad Onasch

 

Translate this page


nach oben